Die Ossarium "Death Expert of the Month" Serie

Wir präsentieren jeden Monat einen "Todesexperten" mit 3 kurzen Fragen und einem Bild, das seine/ihre Beziehung zum Tod beschreibt.


Februar 2018

The Ossarium Death Expert V:

Jennifer Crangle, Sheffield

Osteoarchäologin mit einem Fokus auf mittelalterliche Sepulkralkultur und Beinhäuser

Jennifer Crangle

1 Erklären Sie uns das Bild? In welchem Zusammenhang steht es zu Ihrem Beruf?

Auf dem Bild sieht man das Beinhaus der Kirche des heiligen Leonhard in Hythe, Kent (England). Ich habe das Foto bei meinem ersten Besuch im Jahre 2009 gemacht. Es war ein eisiger, ruhiger Februartag, mich hat der Ort sofort fasziniert. Damals habe ich Osteoarchäologie studiert und kam deswegen mit dem Beinhaus von Hythe in Berührung. Das Beinhaus war bisher wenig bedeutsam ausser die für Forschung oder die Lehre ungewöhnliche osteologische Sammlung. Aber mich liessen Fragen nach der Pragmatik mittelalterlicher Beinhauskapellen, nach archäologischen Erkundungen, ihrer Geschichte und Kultur nicht mehr los.

Bald entdeckte ich, dass Beinhäuser in England kaum bekannt und völlig falsch eingeschätzt wurden. Aus diesem Grund wurden Ossarien mein Forschungsgegenstand. Ich doktorierte mit einer Studie über Beinhäuser in England. In dieser Studie fokussierte ich auf Beinhauskapellen und den Umgang mittelalterlicher Menschen mit den physischen Körpern von Verstorbenen nach deren Bestattung. Ich arbeite unterdessen als Osteoarchäologin mit einem Fokus auf mittelalterliche Sepulkralkultur und Beinhäuser. Im Augenblick bin ich als Forschungsbeauftragte an der Universität Sheffield tätig.

2013 habe ich hier das Rothwell Charnel Chapel Project, das auf meiner Forschung basiert, ins Leben gerufen.

2 Was bedeutet der Tod für Sie persönlich?

Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher. Für mittelalterliche Menschen war der Tod sozusagen eine Weiterführung des Lebens. Ich bin katholisch aufgewachsen und sehe noch immer viele Gemeinsamkeiten zwischen dem heutigen Katholizismus und mittelalterlichen Vorstellungen bezüglich Tod. Obwohl ich seit meiner Jugend Atheistin bin und diese religiösen Vorstellungen selbst nicht teile, stelle ich gerne Verbindungen zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit her, besonders bezüglich Tod, Jenseitsvorstellungen und der Gedenkkultur. Ich bin fasziniert davon, wie Menschen den Tod rationalisieren und erklären, wie sie ihre Logik und ihr Mitgefühl anpassen, um Sinn zu generieren bezüglich etwas, das sie nicht kontrollieren können.

Alle Kulturen und Gemeinschaften, früher und heute, haben ihre eigene Art, um mit dem Tod umzugehen und ihn zu verstehen. Der gesellschaftliche Zusammenhalt, der daraus entsteht, ist von grossem Interesse für mich. Ein gutes Beispiel hierfür sind der Respekt und die Liebe, die den Verstorbenen entgegengebracht werden. Dies zeigt sich auch anhand der Beinhäuser, in denen die Verstorbenen aus ihren Gräbern in ein behütetes Zuhause überführt werden.

Heute fürchten die meisten Menschen den Tod und haben das Vorurteil, dass jemand, der sich mit dem Tod befasst, morbid sei. Meiner Meinung nach ist Interesse am Tod völlig natürlich. So sind jene, die sich nicht damit befassen, für mich die Ungewöhnlichen. Aber das gehört dazu, wenn man die Sichtweise anderer Leute auf den Tod erforscht. Ich kann also nicht sagen, was der Tod genau für mich bedeutet. Ich vermute, ich finde es auf meinem Sterbebett heraus.

3 Können Sie uns – im Kontext Ihrer Beschäftigung mit dem Tod – ein Erlebnis erzählen, das Sie nie vergessen werden?

Ich werde nie vergessen, wie ich 2015 in die Schweiz kam, um meine Recherchen zu vertiefen, und mit Anna und Yves zusammenarbeiten konnte. Während meines Aufenthalts in der Schweiz haben wir/ich sieben mittelalterliche und neuzeitliche Beinhäuser besucht.

Diese Besuche waren ein Schlüsselmoment für mich: Was ich in England entdeckt habe, hat sich betätigt, und vieles, was ich bei englischen Beinhäusern beobachten, aber nicht ganz deuten konnte, liess sich nun erklären. Besonders wertvoll für mich waren die Beinhäuser in Stans und Naters. Wir sind am Morgen in Naters angekommen, um den Mesmer zu treffen, der uns das Beinhaus öffnete. Am Fenster brannten Votiv-Kerzen neben der Betbank und der Kollekte. Diese Kerzen wurden von Kirchgängern und Kirchgängerinnen für die Verstorbenen angezündet, als sie das Beinhaus besucht haben. In Stans ist die Verwendung der Bildsprache bemerkenswert; auffallend war auch, dass die Planung der Räumlichkeiten reflektiert war, sie zwingt die Besuchenden förmlich, sich auf eine bestimmte Art und Weise mit der Kapelle zu beschäftigen – visuell (durch mittelalterliche Memento Mori und Ars Moriendi Darstellungen), mental (durch das Verständnis von signifikanten heiligen Zahlen, beispielsweise fünf Stufen, um ins Beinhaus zu gelangen) sowie physisch (durch die Bewegung um das Gebäude in einer spezifischen Art). Die rituelle und liturgische Verwendung des Beinhauses zeigte sich, als wir herumgeführt wurden. Dabei eröffnete sich auch die ausgeprägte, ihm innewohnende Symbolik, beispielsweise die repetitive Benutzung der Zahlen 3, 5 und 7, das Spiel mit Schatten und Licht, die Verweise auf die Praxis des Betens sowie die „empfindungsfähigen“ Schädel, die durch ihre Anwesenheit in einem sakralen Raum gesegnet wurden. All das machte mir klar, wie zentral solche Orte für die Menschen und die Religion im Mittelalter waren, und wie wichtig sie heute noch für die Gemeinschaft sein müssen. Bezüglich meiner Arbeit wurde mir deutlich, wie viel es noch zu untersuchen gibt und was für eine grosse Aufklärungsarbeit nötig ist, um die englischen Beinhäuser besser zu verstehen. Ich hoffe, meine Forschung wird dazu beitragen, diese wundervollen Orte des Gedenkens zugänglicher zu machen.

 

Website:

http://www.rothwellcharnelchapel.group.shef.ac.uk/

https://www.facebook.com/groups/rothwellcharnel/


Als kleines „Neu-Jahr special“ haben wir uns entschieden den vierten Teil der Death Expert Serie etwas früher zu veröffentlichen:

The Ossarium Death Expert IV:

Januar 2017:

Yves Müller

Fotograf, Zürich

Yves Müller

1 Erklären Sie uns das Bild? In welchem Zusammenhang steht es zu Ihrem Beruf?

Auf dem Bild sieht man mich beim Fotografieren des kleinen Beinhauses in Dietmannsried (Deutschland). Ich denke, das Bild symbolisiert sehr genau, was Anna und ich tun; Wir suchen Beinhäuser, die vergessen oder verlassen wurden. Dieses Beinhaus war ein glücklicher Zufallsfund. Wir waren damals in einem anderen Dorf, wo uns der ortsansässige Künstler einen Tipp gab. Wir wären tatsächlich daran vorbeigegangen, wenn wir nicht die exakte Position des Beinhauses gekannt hätten. Unsere Arbeit ist also von lokalen Traditionen, Wissen, langwieriger Recherche und sehr langen Reisen beeinflusst. In vielen Fällen – wie unser Besuch in Dietmannsried – interessiert es tatsächlich auch nur eine Handvoll Menschen, was wir tun.

2 Was bedeutet der Tod für Sie persönlich?

Der Tod ist alles für mich. Es gibt nichts Mächtigeres und Wichtigeres im Leben als der Tod selbst. Ich hole sehr viel Inspiration aus Kunst, die sich mit dem Tod beschäftigt. Es würde mehrere Menschenleben benötigen, das Thema vollständig zu erforschen. Neben der visuellen Darstellungen des Todes – die mich als Fotograf natürlich sehr interessieren – glaube ich, dass der Tod ein Neuanfang für uns ist. Ich habe keine Angst zu sterben, weil ich weiss, dass wir überhaupt nichts dagegen tun können.

3 Können Sie uns – im Kontext Ihrer Beschäftigung mit dem Tod – ein Erlebnis erzählen, das Sie nie vergessen werden?

Ein grosser Teil meiner Arbeit beschäftigt sich mit dem Tod. Ich könnte also von sehr vielen spannenden Ereignisse erzählen. Was mich allerdings mehr interessiert, ist nicht meine Auffassung davon, sondern die Reaktionen auf unsere Arbeit. Ich finde es faszinierend, wie Menschen reagieren, wenn sie ein Beinhaus betreten. Oder was in ihnen vorgeht, wenn ich meine Ausrüstung auspacke, um die sterblichen Überreste einer Person zu fotografieren. Es scheint eine unsichtbare Barriere zwischen ihnen und dem Tod zu geben, die ich durchschreite, indem ich Fotos mache. Viele versuchen es zu verstecken, aber ich spüre, dass es ihnen unangenehm ist. Es ist, als hätten sie ein unterbewusstes Bedürfnis, ihre Toten vor einem Aussenstehenden zu schützen. Das Gefühl ist allerdings sehr kurzweilig und vergeht nach wenigen Sekunden. Sobald erkannt wird, dass ich respektvoll fotografiere und meine Motive sehr schätze, wird die Stimmung lockerer.

Webseite: www.ossarium.ch


Dezember 2017:

Guy Labo-O-Kult

Maler und Tätowierer, Biel

Guy Labo-O-Kult

1 Erklären Sie uns das Bild? In welchem Zusammenhang steht es zu Ihrem Beruf?

Auf dem Foto bin ich am Malen. (Das Bild trägt den Titel „Kairos“; Kairos als immaterielles Konzept von Zeit, die nicht durch die Uhr gemessen wird, sondern mit dem Gefühl zusammenhängt, dass man spürt, wann der richtige Zeitpunkt zum Handeln gekommen ist.)

Malen ist  neben dem Zeichnen mit Kohle oder Bleistift sowie dem Tätowieren eine meiner bevorzugten künstlerischen Beschäftigungen. Meine künstlerische Arbeit dreht sich massgeblich um mein Lieblingsmotiv, den Totenkopf. Ich beginne jeden Tag mit einem Kaffee und der Skizze eines Schädels. Ein Schädel ist nicht nur auf einer ästhetischen Ebene faszinierend, sondern besitzt durch alle Kulturen hindurch eine mächtige und ausdrucksstarke Symbolik.

2 Was bedeutet der Tod für Sie persönlich?

Der Tod ist für mich eine „Innenschau“. Mein Interesse am Tod ist geprägt von einer Suche nach Tiefe in einer oberflächlichen Welt, die sich um Ablenkung dreht. Der Tod ist eine unvermeidliche Stellungnahme in einer künstlichen Gesellschaft. Er repräsentiert den Schlussakt des Lebens, eine abgelaufene Zeit, eine Bemessung, er ist Massstab für unsere Möglichkeiten. Im Leben wie im Tod ist nichts unbestritten, nichts dauernd. Der Tod bietet Hoffnung auf Ruhe, ein Gedenken an ihn hilft mir, mich tagtäglich zu fokussieren. Die Arbeit mit der Symbolik des Todes gibt mir somit die nötige Ruhe für mein Leben.

3 Können Sie uns – im Kontext Ihrer Beschäftigung mit dem Tod – ein Erlebnis erzählen, das Sie nie vergessen werden?

Der Moment, als ich meinen ersten Schädel in den Händen hielt und ich diesen aus jedem Blickwinkel betrachten konnte, oder als ich das erste Mal in Paris in den Katakomben von tausenden menschlichen Schädeln umgeben war, bleiben für mich unvergesslich, da ich in diesen Augenblicken einen tiefen und trostreichen Frieden empfand. Aber ich fühlte mich gleichzeitig auch wie ein Kind in einem Süsswarenladen …

Website: www.labo-o-kult.com

Foto: Ka L-O-K


November 2017:

Dr. Janine Kopp

Historikerin und Journalistin, Luzern

Janine Kopp

1 Erklären Sie uns das Bild? In welchem Zusammenhang steht es zu Ihrem Beruf?

Das Bild zeigt braune, gesteinsartige Brocken, die einen aromatischen Duft verströmen. Während den Recherchen zu meiner Dissertation „Menschenfleisch“ bin ich auf dieses Material gestossen. Es befand sich in einer vermeintlich leeren hölzernen Apothekerdose aus dem Ende des 18. Jahrhunderts und gehört zur Sammlung des Pharmazie-Historischen Museums Basel. Die Aufschrift der Dose „Mumia vera“ legt nahe, dass es sich hier um Überreste von ägyptischen Mumien handelt, die für die medizinische Verwendung nach Europa importiert wurden. Nun zeigen aber Analysen, dass es sich dabei weniger um Stoffe altägyptischen Ursprungs, sondern vielmehr um eine frühneuzeitliche Fälschung handelt. Fest steht auch, dass wir es hier einerseits mit menschlichen Steissbeinknochen und andererseits mit Material zu tun haben, welches sich im Innern eines Schädels verflüssigt hat. Kurz: Die braunen Brocken sind Überreste eines verstorbenen Menschen.

Das Bild ist deshalb für meine Forschung aufschlussreich, weil es die Hauptergebnisse meiner Arbeit stützt: Es waren in erster Linie keine ägyptischen Mumien, sondern Leichenteile wie Menschenfett oder Menschenfleisch – gewonnen aus hingerichteten Verbrechern – welche für pharmazeutische Salben und Tränke legal in unseren Apotheken der frühen Neuzeit verkauft wurden.

2 Was bedeutet der Tod für Sie persönlich?

Während meiner Arbeit habe ich mich weniger mit dem Tod und Sterben, sondern vielmehr mit dem toten Körper als medizinische Ware in der frühen Neuzeit befasst. Damals war der Tod im Alltag der Menschen viel präsenter. Heute versuchen wir dieses Thema möglichst aus unserem Leben zu verdrängen. Der Tod macht uns modernen Menschen meist Angst – auch ich kenne diese Angst.

3 Können Sie uns – im Kontext Ihrer Beschäftigung mit dem Tod – ein Erlebnis erzählen, das Sie nie vergessen werden?

Es sind folgende Reaktionen auf meine Arbeit, die mir in Erinnerung bleiben: Wie eklig diese vergangenen Praktiken doch waren! Was müssen das für makabere Menschen damals gewesen sein? Allerdings vergisst man hier allzu schnell, dass der menschliche Körper auch heute noch eine wichtige Rolle in der Medizin spielt. Mehr noch: die medizinische Wissenschaft benutzt heute Leichenteile in einem nie dagewesenen Ausmass. In der plastischen Chirurgie wird abgesaugtes Fett in Lippen gespritzt. Im Internet kursieren zudem Rezepte wie „Pizza mit Plazenta“ zwecks Stärkung der Frau im Wochenbett. Für mich stellt sich deshalb die Frage: Sind solche modernen Praktiken denn weniger makaber?

Website: www.janinekopp.ch

Foto: Janine Kopp


Oktober 2017:

OSKAR TERS
Historiker und Lehrer, Wien

Oskar Ters

1 Erklären Sie uns das Bild? In welchem Zusammenhang steht es zu Ihrem Beruf?

Das Bild zeigt mich beim Erforschen einer Gruft, die über 300 Jahre lang verschlossen war. Die Gruft wurde geöffnet um sicherzustellen, dass die in den Kirchenbüchern dokumentierten Verstorbenen auch tatsächlich hier begraben sind. Zudem interessierte uns, wie die Särge damals hergestellt wurden.

2 Was bedeutet der Tod für Sie persönlich?

Der Tod ist das Einzige im Leben, das unumgänglich ist. Ich fürchte ihn, auch wenn ich täglich mit ihm konfrontiert bin.

3 Können Sie uns – im Kontext Ihrer Beschäftigung mit dem Tod – ein Erlebnis erzählen, das Sie nie vergessen werden?

In einem verschlossenen Sarg, den wir öffneten, da er zu zerfallen drohte, fanden wir einen mumifizierten Körper. Das ist noch nichts Ungewöhnliches, da wir eine Menge Mumien in dieser Gruft gefunden haben. Was mich allerdings sehr erstaunt hat, war der Fund einer hölzernen Pfeife in der rechten Hand der Mumie. Diese wurde der verstorbenen Person mitgegeben, damit sie um Hilfe rufen konnte, falls man sie aus Versehen lebendig begraben hat. Das Erstaunliche daran ist, dass der Verstorbene über 300 Jahre alt war, und somit bereits im Barock die Angst davor, lebend begraben zu werden, bestand.

Bild: Oskar Ters