Die Ossarium "Death Expert of the Month" Serie

Wir präsentieren jeden Monat einen "Todesexperten" mit 3 kurzen Fragen und einem Bild, das seine/ihre Beziehung zum Tod beschreibt.


März 2018

Ivan Cenzi, Rom
Erforscher des Unheimlichen und Kuriositätensammler

Ivan Cenzi

1 Erklären Sie uns das Bild? In welchem Zusammenhang steht es zu Ihrem Beruf?

Das Bild stammt aus dem Buch «His Anatomical Majesty». Es ist der vierte Band meiner Bizarro Bazar Collection-Reihe und zeigt den «bestraften Selbstmord» (punished suicide), die künstlerisch umgesetzte Präparation des Körpers einer jungen Frau. Das Werk wurde vom Anatomen Lodovico Brunetti (1813-1899) erschaffen und ist zur Zeit im Morgagni Museum in Padua ausgestellt.

Im Jahre 1863 hat sich die damals 18-Jährige umgebracht. Brunetti liess sich den Körper zustellen, um an diesem anhand einer von ihm erfundenen Konservierungstechnik zu experimentieren. Er erstellte einen Abguss des Oberkörpers, entfernte ihre Kopfhaut (wobei er darauf achtete, die Haare nicht zu beschädigen) , konservierte die Haut und übertrug sie auf den Abguss. Dann fügte er ausgestopfte Schlangen hinzu. Diese winden sich um das Gesicht, als würden sie es verzehren. Dieses furchteinflössende Spiel stellt die ewige Bestrafung der Frau in der Hölle dar – eine damals durchaus übliche religiöse Auffassung, da die Frau, sich dieses Schicksal durch ihren Selbstmord selbst eingehandelt hat.

Als würde sich das Ganze aus heutiger Sicht nicht grausam und verrückt genug anhören, geht die Geschichte sogar noch weiter: Nach der Vollendung seines Kunstwerks, zeigt Brunetti es den Eltern der Frau. Diese priesen das Abbild und bewunderten seine Arbeit als perfekte Darstellung ihrer Tochter bewundert. Brunetti stellte das Präparat ausserdem an der Weltausstellung von 1867 in Paris aus und gewann damit den Grand Prix.

Dies ist für mich persönlich der wichtigste Punkt der ganzen Geschichte. Aus heutiger Sicht erscheint der «punished suicide» wie das Werk eines verrückten Professors, damals hingegen wurde die Arbeit Brunettis nicht nur akzeptiert, sondern sogar honoriert. Grund dafür sind die Veränderungen, die in den letzten 150 Jahre in Bezug auf unserer Beziehung zum Tod stattgefunden haben. Das Tabu, das den Tod umgibt, kam erst im frühen 20. Jh auf, als mit der Entfernung von Leichen aus dem Alltag oder einer «Technisierung» des Todes begonnen wurde.

Brunettis «punished suicide» ist nicht nur eine wunderbare Mischung aus Kunst, Anatomie und religiösen Vorstellungen, sondern auch eine komplexe und wunderbare Erinnerung an den Wandel gesellschaftlicher Grenzen und Tabus. Der «punished suicide» ist ein perfektes Beispiel meiner Interessen als Autor und «Erforscher des Unheimlichen»: Meine Absicht ist es, Kuriositäten und vergessene Geschichten ans Licht zu bringen, um damit eine tiefgründige Diskussion über heikle Themen zu initiieren. Wer es wagt, den Schockmoment bei der Konfrontation mit etwas Verstörendem zu überwinden, kann Einblicke in verschiedene Dimensionen von Bedeutung erhalten und viel daraus lernen. Dies ist für mich das Schöne an liminalen gesellschaftlichen Räumen. Sie lehren uns viel über Grenzen und festgefahrene Fronten unserer eigenen Kultur.

2 Was bedeutet der Tod für Sie persönlich?

Der Tod ist für mich eine Erinnerung an unsere Natur. «Der Mensch lebt nur von Missetat allein», wie Brecht es formuliert hat: Aber die Menschheit endet auch mit einem bestialischen Akt, dem Tod.

Da wir Menschen uns nicht gerne als Tiere sehen, ist unsere Kultur nichts anderes als ein ausgeklügeltes System, in dem wir uns von der sogenannten natürlichen Welt abgrenzen (allerdings frage ich mich, wie etwas überhaupt ausserhalb der Natur existieren kann?). Die westlich geprägte Kultur erschuf geometrisch geformte, abgeschlossene Wohnstätten und mit Mauern umgürtete Städte, um Gewalt und «primitives» Verhalten aus unseren Gesellschaften zu verbannen. Wir verdrängen unsere Körperflüssigkeiten und balsamieren unsere Toten, so dass sie sich nach dem Tod nicht zu Staub verwandeln. Wir legen sie in Mausoleen zur letzten Ruhe, damit sie nicht in die Erde zurückkehren. Wir erschaffen komplexe Symbol- und Glaubenssysteme, um uns selbst davon zu überzeugen, dass wir «mehr» als sterbliche Primaten sind. Dies sind Versuche dem Konzept des «havel havalim» («alles ist eitel»)  zu entfliehen, das uns seit Beginn der Zeiten verfolgt: Wenn der Tod alle unsere Spuren ausradiert, scheint alles sinnlos zu sein. Diese Angst vor der Unbeständigkeit macht jedes menschliche Bestreben für mich so wundervoll und edelmütig.

Meiner Meinung nach macht die Auffassung des Todes als natürliches, unumgängliches Prinzip das Leben zu einer tanz- oder traumähnlichen Erfahrung. Beim Vergleich verschiedener mystischer und spiritueller Konzepte (die Aussagen Christi im Vergleich zu denen Buddhas, die Lehren des Sufismus verglichen mit denen des Philosophen Laozi und die Überlieferungen der Veden gegenüber den Lehren des Mönches Bodhidharma) wird klar, dass alle eine ähnliche Grundaussage haben: Vertraue dieser Realität nicht allzu sehr! Es gibt auch ähnliche Ansätze in der modernen Physik.

Wenn es einem gelingt, die Welt durch eine solche Perspektive zu betrachten, werden weltliche Errungenschaften oder das Streben nach Erfolg völlig irrelevant. Schlussendlich heisst, den Tod zu zähmen, nichts anderes, als den Tanz des Lebens leichtfüssiger zu meistern. Ich glaube, der Tod erinnert uns daran, dass wir Teil eines Kosmos sind, den wir nicht vollständig verstehen können. Darin liegt für mich gleichermassen viel Wunderbares und Aufregendes, wie grosse Traurigkeit und Terror.

3 Können Sie uns – im Kontext Ihrer Beschäftigung mit dem Tod – ein Erlebnis erzählen, das Sie nie vergessen werden?

Vor einigen Jahren war ich mit dem Auto auf dem Weg nach Hause, als ich am Rand einer schlecht beleuchteten Strasse etwas entdeckte. Ich konnte im letzten Moment ausweichen und habe angehalten um zu sehen, was genau auf der Strasse lag. Es stellte sich heraus, dass es sich um den Körper eine Frau handelte, die offenbar angefahren und liegen gelassen wurde. Ich platzierte mein Auto so, dass der restliche Verkehr auf die Situation aufmerksam wurde und informierte eine Ambulanz. Als die Unfallstelle gesichert war, kümmerte ich mich sofort um die Frau und versuchte erste Hilfe zu leisten. Die Frau war aber bereits verstorben, bevor ich etwas für sie tun konnte. Soweit ich die Situation einschätzen konnte, lag sie schon eine Zeit lang dort, mit dem Gesicht nach unten. Von dem Unfallfahrer war keine Spur mehr zu sehen. Nach und nach haben vorbeifahrende Autos angehalten, bis sich ein kleines Grüppchen um die tote Frau gebildet hatte. Sie bot keinen schönen Anblick. Ihr Körper war geschunden, ein Bein lag abgetrennt neben der Frau. Was mich allerdings sehr faszinierte, war die Reaktion der eintreffenden Leute. Einige der Anwesenden waren dermassen schockiert, dass sie den Tod der Frau nicht glauben konnten. Sie murmelten Dinge wie: „Das Ding dort kann gar nicht ihr Bein sein“, oder: „Sie muss doch noch leben“. Trotz aller Neugier traute sich keiner der Anwesenden ihren Körper zu berühren. Noch nie konnte ich, aus erster Hand, eine dermassen starke – fast schon kindische – Realitätsverweigerung feststellen.

Die Diskussion über die Verdrängung des Todes aus dem Alltag, wie sie in akademischen Kreisen geführt wird, ist ein abstrakter Gedanke. Aber bei der beschriebenen Situation handelte es sich um einen klassischen psychologischen Fall von Verdrängung: Wir wurden mit einer gewalttätigen, hässlichen und doch ständig vorhanden Art des Todes konfrontiert, und einige von uns konnte schlicht nicht damit umgehen. Den Tod auf Abstand zu halten, hat uns nur noch wenige Werkzeuge gelassen, ihn in so einer Situation zu verstehen. Für einige der Anwesenden war das Bild der toten Frau zu viel, und ihr Verstand flüchtete vor diesem Gedanken. Diese Menschen taten mir leid und als ich endlich zuhause angekommen, habe ich mir die ganze Nacht darüber Gedanken gemacht, was ich gesehen habe. Natürlich tat mir die verstorbene Frau leid, aber ich wünschte auch, dass ich den verängstigten Leuten helfen kann, ihre Ängste zu überwinden.

Ein Teil meiner Arbeit, vor allem das Schreiben über den Tod, ist sicherlich eng mit diesem Erlebnis verknüpft.


Kontakt/Webseite:
www.bizzarrobazar.com

www.facebook.com/bizzarrobazar

www.instagram.com/bizzarrobazar

Bestellung “His Anatomical Majesty”:

https://www.libri.it/museo-morgagni?tracking=53da49b67eead&id=14


 

Februar 2018

Peter Bux

Schädelsammler, Deurne

Peter Bux

1 Erklären Sie uns das Bild? In welchem Zusammenhang steht es zu Ihrem Beruf?

Das ist, wegen seiner speziellen Patina, einer der Lieblingsschädel aus meiner Sammlung. Viele Sammler spezialisieren sich auf gebleichte medizinische menschliche Schädel. Das ist natürlich auch eine faszinierende Sparte. Ich hingegen bevorzuge ein natürlicheres Aussehen. Der Einfluss von Natur und Verfall auf den Knochen macht jeden Schädel zu einem Unikat. Jeder hat seine ganz eigene Farbe aus einer unendlichen Palette an Möglichkeiten.

Um ehrlich zu sein, besteht kein Zusammenhang zu meinem Beruf. Nur wenige Leute aus meinem beruflichen Umfeld wissen von meiner Tätigkeit als Sammler. Die meisten verstehen nicht, warum ich „grausige“ Stücke der menschlichen Anatomie sammle. Ich frage mich, wie sie wunderschöne tierische Geweihe in einem trendigen Haus als Dekoration schätzen können, aber selbiges nicht für menschliche Knochen tun. Die Menschheit stellt sich als Krone der Schöpfung auf ein Podest und vergisst dabei, dass wir biologisch gesehen auch nur Tiere sind. Ein menschlicher Schädel ist nur eine knöcherne Erinnerung an das zerstörerischste Tier auf Erden.

Meiner Meinung nach ist die Art, wie man in der westlichen Kultur mit Verstorbenen umgeht, eine Konsequenz aus unserer Erziehung und Religion. Als Beispiel einer alternativen Auffassung diesbezüglich dienen andere Kulturen; Die indigenen Völker in Papua bewahren die Schädel ihrer Verwandten zuhause auf, um diese nach ihrem Tod weiterhin ehren zu können. Im Siedlungsgebiet der Toraja in Indonesien, werden die Verstorbenen ausgegraben, angezogen, um sie so auf eine eigene Art wieder „aufleben“ zu lassen. Die römisch-katholische Religion widerspricht sich teils sogar selbst, wenn man Allerheiligen in Europa mit dem selben Tag in Mexico (Dia de los Muertos) vergleicht.

2 Was bedeutet der Tod für Sie persönlich?

Als Atheist ist es für mich das Ende der Reise. Ich werde täglich an den Tod erinnert, aber dieses „Memento Mori“ verängstigt mich nicht. Das Einzige, was ich fürchte, ist, meinen Hinterbliebenen Trauer zu bereiten. Der Tod ist für mich nichts Anderes als Verfall. Um den Maler Edvard Munch zu zitieren: “From my rotting body flowers will grow and I am in them, and that is eternity”.

3 Können Sie uns – im Kontext Ihrer Beschäftigung mit dem Tod – ein Erlebnis erzählen, das Sie nie vergessen werden?

Meine Tante ist vor wenigen Jahren verstorben und wurde kremiert. Als wir ihre Asche verstreut haben, flogen einige Vögel her, um in den Überresten zu wühlen. Einer meiner Verwandten schaute mich sehr erschrocken an. Für mich persönlich war dies keine unangenehme Situation, sondern einfach der Kreislauf der Natur, wie es Munch eben so treffend sagte.

 

Kontakt: peter.bux@pandora.be


 

Januar 2018

The Ossarium Death Expert V:

Jennifer Crangle, Sheffield

Osteoarchäologin mit einem Fokus auf mittelalterliche Sepulkralkultur und Beinhäuser

Jennifer Crangle

1 Erklären Sie uns das Bild? In welchem Zusammenhang steht es zu Ihrem Beruf?

Auf dem Bild sieht man das Beinhaus der Kirche des heiligen Leonhard in Hythe, Kent (England). Ich habe das Foto bei meinem ersten Besuch im Jahre 2009 gemacht. Es war ein eisiger, ruhiger Februartag, mich hat der Ort sofort fasziniert. Damals habe ich Osteoarchäologie studiert und kam deswegen mit dem Beinhaus von Hythe in Berührung. Das Beinhaus war bisher wenig bedeutsam ausser die für Forschung oder die Lehre ungewöhnliche osteologische Sammlung. Aber mich liessen Fragen nach der Pragmatik mittelalterlicher Beinhauskapellen, nach archäologischen Erkundungen, ihrer Geschichte und Kultur nicht mehr los.

Bald entdeckte ich, dass Beinhäuser in England kaum bekannt und völlig falsch eingeschätzt wurden. Aus diesem Grund wurden Ossarien mein Forschungsgegenstand. Ich doktorierte mit einer Studie über Beinhäuser in England. In dieser Studie fokussierte ich auf Beinhauskapellen und den Umgang mittelalterlicher Menschen mit den physischen Körpern von Verstorbenen nach deren Bestattung. Ich arbeite unterdessen als Osteoarchäologin mit einem Fokus auf mittelalterliche Sepulkralkultur und Beinhäuser. Im Augenblick bin ich als Forschungsbeauftragte an der Universität Sheffield tätig.

2013 habe ich hier das Rothwell Charnel Chapel Project, das auf meiner Forschung basiert, ins Leben gerufen.

2 Was bedeutet der Tod für Sie persönlich?

Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher. Für mittelalterliche Menschen war der Tod sozusagen eine Weiterführung des Lebens. Ich bin katholisch aufgewachsen und sehe noch immer viele Gemeinsamkeiten zwischen dem heutigen Katholizismus und mittelalterlichen Vorstellungen bezüglich Tod. Obwohl ich seit meiner Jugend Atheistin bin und diese religiösen Vorstellungen selbst nicht teile, stelle ich gerne Verbindungen zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit her, besonders bezüglich Tod, Jenseitsvorstellungen und der Gedenkkultur. Ich bin fasziniert davon, wie Menschen den Tod rationalisieren und erklären, wie sie ihre Logik und ihr Mitgefühl anpassen, um Sinn zu generieren bezüglich etwas, das sie nicht kontrollieren können.

Alle Kulturen und Gemeinschaften, früher und heute, haben ihre eigene Art, um mit dem Tod umzugehen und ihn zu verstehen. Der gesellschaftliche Zusammenhalt, der daraus entsteht, ist von grossem Interesse für mich. Ein gutes Beispiel hierfür sind der Respekt und die Liebe, die den Verstorbenen entgegengebracht werden. Dies zeigt sich auch anhand der Beinhäuser, in denen die Verstorbenen aus ihren Gräbern in ein behütetes Zuhause überführt werden.

Heute fürchten die meisten Menschen den Tod und haben das Vorurteil, dass jemand, der sich mit dem Tod befasst, morbid sei. Meiner Meinung nach ist Interesse am Tod völlig natürlich. So sind jene, die sich nicht damit befassen, für mich die Ungewöhnlichen. Aber das gehört dazu, wenn man die Sichtweise anderer Leute auf den Tod erforscht. Ich kann also nicht sagen, was der Tod genau für mich bedeutet. Ich vermute, ich finde es auf meinem Sterbebett heraus.

3 Können Sie uns – im Kontext Ihrer Beschäftigung mit dem Tod – ein Erlebnis erzählen, das Sie nie vergessen werden?

Ich werde nie vergessen, wie ich 2015 in die Schweiz kam, um meine Recherchen zu vertiefen, und mit Anna und Yves zusammenarbeiten konnte. Während meines Aufenthalts in der Schweiz haben wir/ich sieben mittelalterliche und neuzeitliche Beinhäuser besucht.

Diese Besuche waren ein Schlüsselmoment für mich: Was ich in England entdeckt habe, hat sich betätigt, und vieles, was ich bei englischen Beinhäusern beobachten, aber nicht ganz deuten konnte, liess sich nun erklären. Besonders wertvoll für mich waren die Beinhäuser in Stans und Naters. Wir sind am Morgen in Naters angekommen, um den Mesmer zu treffen, der uns das Beinhaus öffnete. Am Fenster brannten Votiv-Kerzen neben der Betbank und der Kollekte. Diese Kerzen wurden von Kirchgängern und Kirchgängerinnen für die Verstorbenen angezündet, als sie das Beinhaus besucht haben. In Stans ist die Verwendung der Bildsprache bemerkenswert; auffallend war auch, dass die Planung der Räumlichkeiten reflektiert war, sie zwingt die Besuchenden förmlich, sich auf eine bestimmte Art und Weise mit der Kapelle zu beschäftigen – visuell (durch mittelalterliche Memento Mori und Ars Moriendi Darstellungen), mental (durch das Verständnis von signifikanten heiligen Zahlen, beispielsweise fünf Stufen, um ins Beinhaus zu gelangen) sowie physisch (durch die Bewegung um das Gebäude in einer spezifischen Art). Die rituelle und liturgische Verwendung des Beinhauses zeigte sich, als wir herumgeführt wurden. Dabei eröffnete sich auch die ausgeprägte, ihm innewohnende Symbolik, beispielsweise die repetitive Benutzung der Zahlen 3, 5 und 7, das Spiel mit Schatten und Licht, die Verweise auf die Praxis des Betens sowie die „empfindungsfähigen“ Schädel, die durch ihre Anwesenheit in einem sakralen Raum gesegnet wurden. All das machte mir klar, wie zentral solche Orte für die Menschen und die Religion im Mittelalter waren, und wie wichtig sie heute noch für die Gemeinschaft sein müssen. Bezüglich meiner Arbeit wurde mir deutlich, wie viel es noch zu untersuchen gibt und was für eine grosse Aufklärungsarbeit nötig ist, um die englischen Beinhäuser besser zu verstehen. Ich hoffe, meine Forschung wird dazu beitragen, diese wundervollen Orte des Gedenkens zugänglicher zu machen.

 

Website:

http://www.rothwellcharnelchapel.group.shef.ac.uk/

https://www.facebook.com/groups/rothwellcharnel/


Als kleines „Neu-Jahr special“ haben wir uns entschieden den vierten Teil der Death Expert Serie etwas früher zu veröffentlichen:

The Ossarium Death Expert IV:

Januar 2017:

Yves Müller

Fotograf, Zürich

Yves Müller

1 Erklären Sie uns das Bild? In welchem Zusammenhang steht es zu Ihrem Beruf?

Auf dem Bild sieht man mich beim Fotografieren des kleinen Beinhauses in Dietmannsried (Deutschland). Ich denke, das Bild symbolisiert sehr genau, was Anna und ich tun; Wir suchen Beinhäuser, die vergessen oder verlassen wurden. Dieses Beinhaus war ein glücklicher Zufallsfund. Wir waren damals in einem anderen Dorf, wo uns der ortsansässige Künstler einen Tipp gab. Wir wären tatsächlich daran vorbeigegangen, wenn wir nicht die exakte Position des Beinhauses gekannt hätten. Unsere Arbeit ist also von lokalen Traditionen, Wissen, langwieriger Recherche und sehr langen Reisen beeinflusst. In vielen Fällen – wie unser Besuch in Dietmannsried – interessiert es tatsächlich auch nur eine Handvoll Menschen, was wir tun.

2 Was bedeutet der Tod für Sie persönlich?

Der Tod ist alles für mich. Es gibt nichts Mächtigeres und Wichtigeres im Leben als der Tod selbst. Ich hole sehr viel Inspiration aus Kunst, die sich mit dem Tod beschäftigt. Es würde mehrere Menschenleben benötigen, das Thema vollständig zu erforschen. Neben der visuellen Darstellungen des Todes – die mich als Fotograf natürlich sehr interessieren – glaube ich, dass der Tod ein Neuanfang für uns ist. Ich habe keine Angst zu sterben, weil ich weiss, dass wir überhaupt nichts dagegen tun können.

3 Können Sie uns – im Kontext Ihrer Beschäftigung mit dem Tod – ein Erlebnis erzählen, das Sie nie vergessen werden?

Ein grosser Teil meiner Arbeit beschäftigt sich mit dem Tod. Ich könnte also von sehr vielen spannenden Ereignisse erzählen. Was mich allerdings mehr interessiert, ist nicht meine Auffassung davon, sondern die Reaktionen auf unsere Arbeit. Ich finde es faszinierend, wie Menschen reagieren, wenn sie ein Beinhaus betreten. Oder was in ihnen vorgeht, wenn ich meine Ausrüstung auspacke, um die sterblichen Überreste einer Person zu fotografieren. Es scheint eine unsichtbare Barriere zwischen ihnen und dem Tod zu geben, die ich durchschreite, indem ich Fotos mache. Viele versuchen es zu verstecken, aber ich spüre, dass es ihnen unangenehm ist. Es ist, als hätten sie ein unterbewusstes Bedürfnis, ihre Toten vor einem Aussenstehenden zu schützen. Das Gefühl ist allerdings sehr kurzweilig und vergeht nach wenigen Sekunden. Sobald erkannt wird, dass ich respektvoll fotografiere und meine Motive sehr schätze, wird die Stimmung lockerer.

Webseite: www.ossarium.ch


Dezember 2017:

Guy Labo-O-Kult

Maler und Tätowierer, Biel

Guy Labo-O-Kult

1 Erklären Sie uns das Bild? In welchem Zusammenhang steht es zu Ihrem Beruf?

Auf dem Foto bin ich am Malen. (Das Bild trägt den Titel „Kairos“; Kairos als immaterielles Konzept von Zeit, die nicht durch die Uhr gemessen wird, sondern mit dem Gefühl zusammenhängt, dass man spürt, wann der richtige Zeitpunkt zum Handeln gekommen ist.)

Malen ist  neben dem Zeichnen mit Kohle oder Bleistift sowie dem Tätowieren eine meiner bevorzugten künstlerischen Beschäftigungen. Meine künstlerische Arbeit dreht sich massgeblich um mein Lieblingsmotiv, den Totenkopf. Ich beginne jeden Tag mit einem Kaffee und der Skizze eines Schädels. Ein Schädel ist nicht nur auf einer ästhetischen Ebene faszinierend, sondern besitzt durch alle Kulturen hindurch eine mächtige und ausdrucksstarke Symbolik.

2 Was bedeutet der Tod für Sie persönlich?

Der Tod ist für mich eine „Innenschau“. Mein Interesse am Tod ist geprägt von einer Suche nach Tiefe in einer oberflächlichen Welt, die sich um Ablenkung dreht. Der Tod ist eine unvermeidliche Stellungnahme in einer künstlichen Gesellschaft. Er repräsentiert den Schlussakt des Lebens, eine abgelaufene Zeit, eine Bemessung, er ist Massstab für unsere Möglichkeiten. Im Leben wie im Tod ist nichts unbestritten, nichts dauernd. Der Tod bietet Hoffnung auf Ruhe, ein Gedenken an ihn hilft mir, mich tagtäglich zu fokussieren. Die Arbeit mit der Symbolik des Todes gibt mir somit die nötige Ruhe für mein Leben.

3 Können Sie uns – im Kontext Ihrer Beschäftigung mit dem Tod – ein Erlebnis erzählen, das Sie nie vergessen werden?

Der Moment, als ich meinen ersten Schädel in den Händen hielt und ich diesen aus jedem Blickwinkel betrachten konnte, oder als ich das erste Mal in Paris in den Katakomben von tausenden menschlichen Schädeln umgeben war, bleiben für mich unvergesslich, da ich in diesen Augenblicken einen tiefen und trostreichen Frieden empfand. Aber ich fühlte mich gleichzeitig auch wie ein Kind in einem Süsswarenladen …

Website: www.labo-o-kult.com

Foto: Ka L-O-K


November 2017:

Dr. Janine Kopp

Historikerin und Journalistin, Luzern

Janine Kopp

1 Erklären Sie uns das Bild? In welchem Zusammenhang steht es zu Ihrem Beruf?

Das Bild zeigt braune, gesteinsartige Brocken, die einen aromatischen Duft verströmen. Während den Recherchen zu meiner Dissertation „Menschenfleisch“ bin ich auf dieses Material gestossen. Es befand sich in einer vermeintlich leeren hölzernen Apothekerdose aus dem Ende des 18. Jahrhunderts und gehört zur Sammlung des Pharmazie-Historischen Museums Basel. Die Aufschrift der Dose „Mumia vera“ legt nahe, dass es sich hier um Überreste von ägyptischen Mumien handelt, die für die medizinische Verwendung nach Europa importiert wurden. Nun zeigen aber Analysen, dass es sich dabei weniger um Stoffe altägyptischen Ursprungs, sondern vielmehr um eine frühneuzeitliche Fälschung handelt. Fest steht auch, dass wir es hier einerseits mit menschlichen Steissbeinknochen und andererseits mit Material zu tun haben, welches sich im Innern eines Schädels verflüssigt hat. Kurz: Die braunen Brocken sind Überreste eines verstorbenen Menschen.

Das Bild ist deshalb für meine Forschung aufschlussreich, weil es die Hauptergebnisse meiner Arbeit stützt: Es waren in erster Linie keine ägyptischen Mumien, sondern Leichenteile wie Menschenfett oder Menschenfleisch – gewonnen aus hingerichteten Verbrechern – welche für pharmazeutische Salben und Tränke legal in unseren Apotheken der frühen Neuzeit verkauft wurden.

2 Was bedeutet der Tod für Sie persönlich?

Während meiner Arbeit habe ich mich weniger mit dem Tod und Sterben, sondern vielmehr mit dem toten Körper als medizinische Ware in der frühen Neuzeit befasst. Damals war der Tod im Alltag der Menschen viel präsenter. Heute versuchen wir dieses Thema möglichst aus unserem Leben zu verdrängen. Der Tod macht uns modernen Menschen meist Angst – auch ich kenne diese Angst.

3 Können Sie uns – im Kontext Ihrer Beschäftigung mit dem Tod – ein Erlebnis erzählen, das Sie nie vergessen werden?

Es sind folgende Reaktionen auf meine Arbeit, die mir in Erinnerung bleiben: Wie eklig diese vergangenen Praktiken doch waren! Was müssen das für makabere Menschen damals gewesen sein? Allerdings vergisst man hier allzu schnell, dass der menschliche Körper auch heute noch eine wichtige Rolle in der Medizin spielt. Mehr noch: die medizinische Wissenschaft benutzt heute Leichenteile in einem nie dagewesenen Ausmass. In der plastischen Chirurgie wird abgesaugtes Fett in Lippen gespritzt. Im Internet kursieren zudem Rezepte wie „Pizza mit Plazenta“ zwecks Stärkung der Frau im Wochenbett. Für mich stellt sich deshalb die Frage: Sind solche modernen Praktiken denn weniger makaber?

Website: www.janinekopp.ch

Foto: Janine Kopp


Oktober 2017:

OSKAR TERS
Historiker und Lehrer, Wien

Oskar Ters

1 Erklären Sie uns das Bild? In welchem Zusammenhang steht es zu Ihrem Beruf?

Das Bild zeigt mich beim Erforschen einer Gruft, die über 300 Jahre lang verschlossen war. Die Gruft wurde geöffnet um sicherzustellen, dass die in den Kirchenbüchern dokumentierten Verstorbenen auch tatsächlich hier begraben sind. Zudem interessierte uns, wie die Särge damals hergestellt wurden.

2 Was bedeutet der Tod für Sie persönlich?

Der Tod ist das Einzige im Leben, das unumgänglich ist. Ich fürchte ihn, auch wenn ich täglich mit ihm konfrontiert bin.

3 Können Sie uns – im Kontext Ihrer Beschäftigung mit dem Tod – ein Erlebnis erzählen, das Sie nie vergessen werden?

In einem verschlossenen Sarg, den wir öffneten, da er zu zerfallen drohte, fanden wir einen mumifizierten Körper. Das ist noch nichts Ungewöhnliches, da wir eine Menge Mumien in dieser Gruft gefunden haben. Was mich allerdings sehr erstaunt hat, war der Fund einer hölzernen Pfeife in der rechten Hand der Mumie. Diese wurde der verstorbenen Person mitgegeben, damit sie um Hilfe rufen konnte, falls man sie aus Versehen lebendig begraben hat. Das Erstaunliche daran ist, dass der Verstorbene über 300 Jahre alt war, und somit bereits im Barock die Angst davor, lebend begraben zu werden, bestand.

Bild: Oskar Ters